Über Silvester auf die Lofoten? Ja, unbedingt!

Die Lofoten standen schon lange als Reiseziel weit oben auf meiner Wunschliste. Da fiel die Entscheidung leicht, als die Frage im Raum stand, ob man nicht zusammen mit der Familie für ein paar Tage über Silvester auf die Lofoten fahren möchte. Vor meinem inneren Auge sah ich Elche und Rentiere, die durch eine verschneite Landschaft im Halbdunkel ziehen, prasselndes Kaminfeuer, lange Saunaabende und vor allem Nordlichter in einer sternenklaren Polarnacht. Mensch, vielleicht sehen wir sogar die Milchstraße, denn wir haben über Airbnb eine Hütte weit ab vom Schuss direkt am Meer gebucht. Okay, ich muss auf jeden Fall ein lichtstarkes Weitwinkelobjektiv mitnehmen. Reicht das 24-70 mit 2.8er Blende? Hmm, könnte noch ein wenig weiter und lichtstärker sein, aber wird schon hinhauen. Klar, das große Stativ muss mit und das Tele. Dann noch eine Kamera zum Filmen und eine weitere als Ersatz – vielleicht wollen die anderen ja auch “richtige” Fotos machen. Dann noch die Filter, Ersatzakkus, Ladegeräte, Laptop, Festplatte und Gedöns. Alles in allem war der Fotorucksack bis oben hin voll und eine weitere kleine Fototasche ebenfalls. Gewicht irgendwo jenseits der erlaubten 10 Kg für Handgepäck.

„Götz, du weißt schon, dass wir nur mit Handgepäck reisen, oder?“ Ach verdammt, stimmt ja. Das habe ich natürlich mal wieder verdrängt. „Ja natürlich, weiß ich das. Aber du nimmst doch immer nur so wenig Sachen mit, und da dachte ich, dass meine Klamotten vielleicht in deine super flexible, leichte Tasche …“ ”Alles klar, also wie immer.” Ja, wie immer. Es ist ja so wichtig, dass man sich aufeinander verlassen kann.

Zwei Tage vor Silvester geht es dann mit der ganzen Bagage (4 Erwachsene, 2 Jugendliche) von Hamburg nach Oslo und drei Stunden später weiter nach Narvik/ Harstad. Oslo hat, nebenbei bemerkt, einen wirklich schönen Flughafen. „Da lässt’s sich ganz gut abhängen“, um einen der Jungs zu zitieren. Wobei ich mir sicher bin, dass er das kostenlose WLAN mehr schätzt als die ansprechende Architektur.

Nach der Ankunft in Narvik/ Harstad – der Flughafen liegt genau zwischen diesen beiden Städtchen – übernehmen wir zwei Mietwagen und machen uns auf den Weg in die kalte und von Graupelschauern geschwängerte Polarnacht, um unser Hotel zu erreichen. Die Strecke vom Flughafen zum Hotel ist zwar nur 16 Kilometer lang, aber die Straßen sind verschneit, wir wissen nicht wie glatt und man solle bitte mit Wildwechsel rechnen. Des Weiteren gibt es keine erkennbaren Markierungen, abgesehen von den Schneepfählen links und rechts am Rand und den Lichtern des Gegenverkehrs. Top Bedingungen also für Leute, die das letzte Mal richtig Schnee im Skiurlaub vor zig Jahren gesehen haben.

Am Hotel angekommen nehmen sich die Fahrer unter Freudentränen erstmal in den Arm und sind stolz wie Bolle, sich und ihre Beifahrer, den Naturgewalten trotzend, sicher ans Ziel gebracht zu haben. Jetzt hat man sich aber ein leckeres Abendbrot und ein, zwei Bier wahrlich verdient. Der Hotelier begrüßt uns freundlich und meint, dass es ja ganz schön spät geworden sei, er aber gerne auf uns gewartet hätte. Äh Entschuldigung, wir hatten aber vorher per Email angekündigt, dass wir erst zwischen 21 und 22 Uhr ankommen. Ach, die Email muss wohl jemand gelöscht haben. Na ist ja auch nicht schlimm, wir seien ja jetzt da. Auf die Frage, ob wir denn noch etwas zu essen bekommen könnten, schaut er uns mit großen Augen an und meint, dass ja gerade Weihnachten gewesen sei, und da wären eigentlich nie Gäste da, und überhaupt seien wir auch neben einem Paar aus Asien die einzigen im Hotel und … long story short, er hätte nichts für uns zu essen außer ein paar Süßigkeiten und Chips aus der Snackbar. Gut, dass wir noch belegte Baguettes dabeihaben, die wir in Oslo am Flughafen für ein kleines Vermögen gekauft hatten. Nach ein paar Bier, von denen ich heute noch nicht weiß, wieviel mein Schwager dafür am Ende bezahlt hat, ging es dann in’s Bett. Morgen wollen wir früh los, denn wir haben bummelig rund 200 Kilometer vor uns, und wollen möglichst viel davon bei Tageslicht fahren.

Nach ein paar Tassen Kaffee und einem durchaus akzeptablen Frühstück machen wir uns am nächsten Tag auf den Weg Richtung Westen nach Leknes. Die Landschaft ist wahrlich atemberaubend schön. Immer wieder muss ich anhalten, um Fotos zu machen, oder um Einheimischen Platz zu machen, die deutlich schneller als wir unterwegs sind. Nach rund 4 Stunden erreichten wir dann unser Haus in Sennesvik, das tatsächlich in traumhafter Lage abseits der ohnehin nicht vielbefahrenen Nebenstraße direkt am Meer liegt. Mittlerweile ist es schon fast wieder dunkel, und so bleibt es bei einer kurzen Besichtigung und der Raumverteilung bevor es nochmal losgeht, um in Leknes für die kommenden Tage einzukaufen. Mit unserem deutschen Erfahrungshorizont gingen wir ja davon aus, dass am 31. Dezember die Geschäfte um spätestens 14 Uhr schließen und erst wieder am 2. Januar öffnen. Naja, was soll ich sagen? Unser deutscher Horizont ist manchmal schon sehr begrenzt. Hier kann man Silvester noch bis 20 Uhr einkaufen und Neujahr schon wieder ab 10 Uhr. Der Nachschub ist also gesichert, und wir müssen nicht alles auf einmal besorgen. Wie gut, denn wer weiß schon heute, was er übermorgen essen möchte.

Zurück im Haus geht es dann zum gemütlichen Teil des Tages über. Der Ofen wird angeschmissen. Die Jungs hatten längst entdeckt, dass es superschnelles WLAN gibt, und die Fahrer können chillen, während sich die Beifahrer um das Abendessen kümmern.

„So, was sagt denn die Polarlicht-App?”

„Die sagt GO, ab 22 Uhr soll’s losgehen.”

„Sehr gut, das Wetter passt auch. Es sind kaum Wolken am Himmel.”

Also bringe ich mich und die Kamera in Stellung. Probierte in der Kälte die zuvor recherchierten Einstellungen für Blende, Zeit und ISO aus, um auch den Sternenhimmel optimal drauf zu haben – Erdrotation und so. Es wurde 10. Es wurde 11. Wir schauen in alle Himmelsrichtungen, denn irgendwo müsste doch jetzt was zu sehen sein. Leider Fehlanzeige. Trotz Nachtwache bleibt uns der Anblick von Polarlichtern in dieser Nacht verwehrt.

Am Morgen des nächsten Tages liegt Schnee. Schon in der Nacht hatte es begonnen dicke Flocken zu schneien und, so wie es aussah, würde das auch den ganzen Tag so weitergehen. Gegen 10 Uhr wird es langsam hell, und wir machen uns nach dem Frühstück auf den Weg die Gegend zu erkunden. Wir fahren die E10 Richtung Südwesten. Allerdings kommen wir aufgrund der verschneiten Straßen und des andauernden Schneefalls nicht wirklich gut voran, so dass wir nach einer Stunde beschließen wieder umzukehren. Immerhin hat es für ein paar Landschaftsaufnahmen zwischendurch gereicht. Den Abend verbringen wir mit Kochen, Schneemann bauen und Silvester feiern. Im Übrigen ganz ohne Böller und Raketen, und selbst die Norweger scheinen nur in Maßen zu böllern und nicht gleich Krieg zu spielen.

Am ersten Tag des neuen Jahrzehnts unternehmen wir einen Ausflug nach Nusfjord. Über Nacht ist es wieder deutlich wärmer geworden, und der Schnee löst sich zusehends im starken Regen auf. Dazu bläst ein ziemlich heftiger Wind, der das Fotografieren nicht unbedingt erleichtert. Kaum hat man Kamera und Stativ aufgebaut und den Objektivdeckel entfernt, schon sind dicke Wassertropfen auf der Linse. Selbst wenn man einen Schirm dabeigehabt hätte, hätte der Sturm ihn innerhalb kürzester Zeit zerlegt. Also blieb es auch an diesem Tag bei einigen wenigen Aufnahmen, was den Vorteil hat, dass ich mich genau erinnern kann, wie jede einzelne davon entstanden ist. Dennoch, die Landschaft ist einfach der Wahnsinn. Das Wetter und die Lichtverhältnisse ändern sich zum Teil so schnell, dass man mitunter kaum Zeit hat anzuhalten, Kamera und Stativ aufzubauen und ein Foto zu machen.

„Schau mal, dieses Haus dahinten auf dem Felsen am Meer mit dem Berg im Hintergrund und der krassen Nebelwolke davor. Das sieht ja geil aus! Ich halte mal an und mache ein Foto.”

Und als die Kamera steht, der Ausschnitt passt und alle Einstellungen stimmen, wer ist da nicht mehr da? Na klar, die Nebelwolke. So ist das hier. Die Natur wartet nicht, und genau das macht den Reiz aus.

Am Abend packen wir dann schon wieder unsere Sachen, denn am nächsten Tag geht es wieder zurück zum Flughafen. Wie es aussieht werden wir keine verschneiten und glatten Straßen haben, dennoch wollen wir wieder früh los, um möglichst viel der Strecke in der Mittagsdämmerung zu fahren und vielleicht noch ein paar Fotos zu machen. Inzwischen rechnen wir auch nicht mehr damit noch Nordlichter zu sehen, denn dafür ist jetzt das Wetter einfach zu schlecht. Es stürmt dermaßen, dass das ganze Haus wackelt und die Balken und Wände laut ächzen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mit sorgenvollem Blick den massiven Deckenbalken betrachte, und mich frage, was wohl passiert, wenn der plötzlich allen statischen Berechnungen zum Trotz ein Eigenleben entwickelt. Die Jungs haben die Ansage bekommen, in Richtung der nächsten Lichter zu schwimmen, sollte der Wind das Haus ins Meer wehen. Vor dem Abendbrot machen wir dann noch einen Spaziergang durch die Nacht. Regenfest angezogen und mit Stirnlampen ausgestattet, ist es fast schon ein kleines Abenteuer bei Sturm und Regen im Gänsemarsch entlang einer schmalen Landstraße durch die finstere Nacht zu spazieren.

Am nächsten Tag heißt es Abschied nehmen von einem wunderbaren Ort, an dem wir alle gerne noch etwas länger geblieben wären. Es regnet und stürmt immer noch, es wird kaum hell aber dafür umso früher wieder dunkel, und das Fahren strengt an. Irgendwann kommen wir am Flughafen an und geben die Autos wieder ab, um dann wieder im Dunkeln im Gänsemarsch vom Flughafen zum nahegelegenen Hotel zu laufen. Quasi das letzte Abenteuer auf dieser kurzen Reise. Dieses Mal mit nur 2 Stirnlampen für 6 Personen (die anderen liegen zusammen mit den Taschen schon im Hotel), aber dafür mit viel mehr Verkehr auf einer breiten Straße. Und wer bei Gegenverkehr zu weit zur Seite tritt, der findet seinen Fuß einen halben Meter tiefer im klatschnassen Schneematsch wieder. So ist das hier.

Würde ich nochmal im Winter auf die Lofoten fahren? Ja, unbedingt – nur länger.

Dieser Beitrag wurde gepostet in Reisen

Weitere Beiträge

Noch eine Nacht im Baumhaus

Nachdem ich Ende letzten Jahres zu Gast im Baumhaus-Hotel Solling war (den Blogpost dazu findest du hier), ging es...

Übernachten im Baumhaus

Letztes Wochenende hatte ich das Vergnügen eine Nacht im Baumhaus-Hotel Solling verbringen zu dürfen. Auf dem Gelände...

0 Kommentare