Liebe Grüße an Petra, die kleine Lana und Schatzi.

Gestern im Euro City von München nach Paris lernte ich unfreiwillig viele Menschen kennen. Karin, oder nennen wir sie freundlicherweise Frau Dr. Meyen-Reich, saß gerade mal 3 Reihen vor mir und telefonierte gerade mit ihrer Freundin Petra. Wobei Petra eher weniger zu Wort kam, da Frau Dr. Meyen-Reich selber die ganze Zeit am Erzählen war. So bin ich jetzt bestens im Bilde über den letzten Urlaub der Meyen-Reichs in der Provence, den Ärzte-Kongress in Wien, das Treffen mit einem Makler in Stuttgart, das sie heute Nachmittag noch hat, da sie mit ihrem Mann eine Immobilie erwerben möchte, und dass ihre kleine Tochter Lana an einer eitrigen Mandelentzündung mit Fieber leidet. Ach ja der arme Mann, ein viel beschäftigter Frauenarzt, der kaum die Zeit findet sich um die Familie zu kümmern. Wer daran Schuld sei? Na ist doch klar, das deutsche Gesundheitswesen. Er arbeitet quasi den ganzen Tag für Nichts und wieder Nichts. Natürlich geht es den Freunden finanziell viel besser, die sind schon wieder auf Weltreise. Die Glücklichen, haben letztes Jahr geerbt. Obwohl tauschen wollte Frau Dr. Meyen-Reich nun auch nicht, da Geld alleine ja nicht alles sei. Stimmt Frau Doktor aber es beruhigt doch ungemein, oder etwa nicht?! Das Gespräch dauerte circa eine 3/4 Stunde. In den letzten 5 Minuten wurde dann Petra freundlich aufgefordert doch mal zu erzählen wie es ihr so geht, und ob sie inzwischen ihre Blasenentzündung kuriert hat. Das Interesse an Petras Geschichten kann jedoch nicht wirklich groß gewesen sein, da das Telefonat dann schnell ein Ende fand.

Inzwischen schauten sich die anderen Mitreisenden schon genervt an, rollten mit den Augen und schüttelten die Köpfe. Kaum das Frau Dr. Meyen-Reich das Telefonat mit Petra beendet hat rief sie zu Hause an, um sich nach ihrer kranken Tochter zu erkundigen. Gut das die Schwiegermutter das arme Ding betreuen kann, was würde man sonst bloß machen? Schwiegermama bekam noch 5 Mal gesagt, dass sie bitte erst ab 40 Grad Fieber den Ibuprofen-Saft verabreichen solle. Bleibt nur zu hoffen, dass die Schwiegermutter überhaupt ein Thermometer ablesen kann, wenn man ihr schon sagen muss, ab wann sie dem Kind helfen darf. Mal ehrlich liebe Frau Dr. Meyen-Reich, hat es Schwiegermama nicht auch geschafft ihren Mann groß zu ziehen? Na wie dem auch sei.

Das dritte Telefonat wurde dann mit dem Makler geführt, um ihm mitzuteilen, dass man derzeit in der Bahn säße und voraussichtlich pünktlich sei, da der Zug bisher noch keine Verspätung hätte. Super! Ein Lob auf die Bahn Frau Doktor und das aus ihrem Mund. Na ja immerhin hat auch das jeder gehört, gell.

Telefonat Nummer vier wurde dann vermutlich mit ihrem Mann geführt. Auf seinen Namen schien er nicht besonders viel Wert zu legen, da Frau Dr. Meyen-Reich ihn ausschließlich „Schatzi“ nannte. Nachdem ich dem Gespräch noch 5 Minuten unfreiwillig zuhören musste, entschloss ich mich, mich von meiner Umwelt zu verabschieden, in dem ich mir die Kopfhörer meines iPods „implantierte“, um nicht noch weiter in das Leben einer mir bis dahin unbekannten Frau Einblick zu erhalten. Wie neidisch mich plötzlich alle anderen Mitreisenden ansahen, die nicht diese Möglichkeit der „Flucht“ besaßen. Ich wette Frau Dr. Meyen-Reich, dass Sie, ohne es zu wissen, dafür gesorgt haben, dass sich noch mehr Menschen einen mp3 Player kaufen. Herzlichen Glückwunsch Sie Verkaufstalent wider Willen.

Frau Dr. Meyen-Reich trug im Übrigen ein braunes, enges Wollkleid mit einem braunen Ledergürtel, der mit goldenen Schnallen veredelt war. Blondes glattes, schulterlanges Haar fiel um ein hübsch-langweiliges Gesicht. Geliftet? Kann schon sein. Jeder kennt diesen Typ Frau, der am Samstag Vormittag an prominenter Stelle in größeren Innenstädten an Champagnergläschen nippt. Ganz unstandesgemäß trank Frau Dr. Meyen-Reich aber ein Bier – aus der Flasche und das um 13 Uhr, was sie fast schon wieder sympathisch machte.

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